Inhalt
- Adolf Schlatter: Produktiver Denker und theologischer Riese
- Adolf Schlatter als theologischer Autor
- Kindheit, Jugend und Studium
- Adolf Schlatter als Student
- Adolf Schlatter als junger Pfarrer (1877–1880)
- Adolf Schlatter in Bern (1880–1888)
- Adolf Schlatter in Greifswald (1888–1893)
- Adolf Schlatter in Berlin (1893–1898)
- Adolf Schlatter in Tübingen (1898–1938)
- Adolf Schlatter und das dunkle Tal des erfahrenen Leides
- Adolf Schlatter und der Erste Weltkrieg
- Adolf Schlatter: Seine großen Werke
- Die Theologie Adolf Schlatters – einige Schlaglichter
- Von Schlatter lernen – Reflexionen heutiger Theologen
- Adolf Schlatter: Oft ignoriert, aber von bleibender Bedeutung
- Adolf Schlatter und das Dritte Reich
- Adolf Schlatter und seine Position zum Nationalsozialismus
- Adolf Schlatter – Das Ende eines segensreichen Lebens
- Adolf Schlatter – Weitere Lesetipps

Adolf Schlatter: Produktiver Denker und theologischer Riese
Der Schweizer Theologe Adolf Schlatter ist einer der größten Theologen seit der Reformation und gilt gleichzeitig als einer der theologischen Riesen, die viel zu wenig beachtet werden. Er wurde vor allem für seine exegetische Arbeit bekannt, war aber auch eine Koryphäe in der Systematischen Theologie. Zudem unterrichtete Schlatter Judaistik und Philosophie. Er galt als ausgewiesener Josephus-Kenner und Experte in der Geschichte des antiken Judentums.
Namhafte Theologen haben bei Schlatter studiert. Wenig bekannt ist, dass auch Rudolf Bultmann seine Vorlesungen besuchte, als Schlatter in Tübingen lehrte. Selbiges trifft auch auf Karl Barth zu, welcher aber von den Vorlesungen gar nicht begeistert war und diese vor allem auf Wunsch seines Vaters besuchte. Auch Dietrich Bonhoeffer und Paul Schneider, die beide vom Verbrecherregime der Nationalsozialisten ermordet wurden, wurden von Adolf Schlatters Theologie geprägt. Ebenso zählte der Dogmatiker Paul Althaus zu Schlatters Studenten.
Adolf Schlatter als theologischer Autor
Adolf Schlatter verfasste insgesamt über 400 Schriften. Zu seinen bekannten wissenschaftlichen Werken gehören seine exegetischen Kommentare zum Neuen Testament, seine allgemeinverständlichen Erläuterungen zum Neuen Testament für die Gemeinde und seine Monographie “Der Glaube im Neuen Testament” . Zudem hat Schlatter zahlreiche Artikel für das Calwer Bibellexikon geschrieben . Eine große Reichweite und Wirkungsgeschichte hatte auch Schlatters Aufsatz “Atheistische Methoden in der Theologie”.
Zu seinen Hauptwerken zählen seine Neutestamentliche Theologie (Band 1: Die Geschichte des Christus; Band 2: Die Theologie der Apostel), “Das christliche Dogma” und auch seine Ethik. Neben anderen verdienen besonders diese vier Werke ein gründliches Studium und haben auch heute noch Relevanz. Schlatters Werke und seine theologischen Verdienste noch weiter in den Hintergrund zu verdrängen, wäre ein großer Verlust für die Theologie.
Seine Bewunderer (darunter auch ich) betrachten Schlatter als theologisches Genie, als einen theologischen Riesen, der umfassend theologisch gebildet war und prägend lehren konnte. Seinen Gegnern war er jedoch deutlich zu fromm und wurde von ihnen als Biblizist bezeichnet. Angeblich kannte Adolf Schlatter das gesamte griechische Neue Testament auswendig. Ob dies nun zutrifft oder nicht, Schlatter war in den biblischen Schriften zuhause, einer der großen Experten in der Exegese und von wichtiger und wegweisender Bedeutung in der Dogmatik.
Kindheit, Jugend und Studium
Geistliche Einheit trotz konfessioneller Unterschiede
Adolf Schlatter wurde am 16. August 1852 in einer von der Erweckungsbewegung geprägten Familie in der Schweiz geboren. Seine Großmutter, Anna Schlatter, war eine tiefgläubige und in frommen Kreisen bestens vernetzte Frau, die intensive geistliche Kontakte über jegliche konfessionelle Grenzen hinweg pflegte. Unter anderem hielt sie Kontakt zu Vertretern der katholisch-bayrischen Erweckungsbewegung, dem katholischen Priester in St. Gallen und dem bekannten evangelischen Theologen Friedrich Schleiermacher.
Die theologische Weite, die Adolf Schlatter bereits an seiner Großmutter beobachten konnte, lebten ihm auch seine Eltern vor. Hektor Stephan Schlatter, Adolfs Vater, war Mitglied einer baptistischen Freikirche, seine Mutter Wilhelmine blieb hingegen der reformierten Landeskirche treu. Die beiden zeigten ihren Kindern in der Ehe und der Familie auf praktische Art und Weise, dass eine Einheit im Glauben trotz vieler konfessioneller Unterschiede und im Ringen um theologische Wahrheiten möglich ist. Dieser Gedanke sollte Schlatter auch später in seinem theologischen Dienst weiter prägen.
Im Jahr 1871 war Adolf Schlatter 19 Jahre alt und absolvierte sein Abitur mit Bestnoten. In der Schulzeit lernte Schlatter bereits die biblischen Sprachen Hebräisch und Griechisch. Nach seinem Abschluss überlegte Adolf Schlatter, ob er überhaupt Theologie studieren sollte. Er befürchtete, dass sein Glaube durch die liberale Theologie erschüttert werden könnte, die an Universitäten gelehrt wurde. Ein Gespräch mit seiner Schwester ermutigte Schlatter schlussendlich jedoch dazu, das Studium zu wagen.
Adolf Schlatter als Student
Schlatter begann sein Theologiestudium in Basel. Hier besuchte er auch die Vorlesungen des Philosophen Friedrich Nietzsche und hörte dessen Vorlesungen über Platons Dialoge. Von der Art der Vorlesung und von Nietzsches menschliche Art war er allerdings enttäuscht. Er empfand, dass dieser einen verletzenden Übermut an den Tag legte und seine Studenten als verachtenswerten Pöbel betrachtete.
Adolf Schlatter erlebte während seines Studiums auch eine Glaubenskrise. Er berichtete seiner Familie in der Weihnachtszeit 1871 davon. Dies war wohl die tiefste Glaubenskrise in seinem Leben. Möglicherweise wurde sie durch die intensive Lektüre von Spinoza ausgelöst und ging in eine Auseinandersetzung mit dem Atheismus über. Schlatter überwand diese Krise jedoch.
Theologische Vorbilder und Entwicklung eigener Standpunkte
Im Jahr 1873 wechselte Schlatter nach Tübingen. Hier studierte er bei dem bekannten „positiven“ Theologen Johann Tobias Beck. Beck war ein prägender Theologieprofessor in Tübingen. Der Pietist galt als Biblizist, da er sich vor allem um die geschichtslose Reproduktion der Schriftwahrheit bemühte. Beck wurde später von Gerhard Maier als “Vater der pneumatischen Exegese” bezeichnet. Er war ein Vertreter einer eher vorkritischen Bibelauslegung. Für Beck war die Wiedergeburt des Auslegers eine entscheidende Notwendigkeit.
Vieles konnte Schlatter von Beck zwar lernen, aber er entwickelte auch einen eigenen Ansatz. Schlatters Schwerpunkt lag viel mehr auf der historischen Dimension der Exegese. Bei Beck erkannte Schlatter eine gewisse Absonderung der Bibel von der Geschichte. Er lernte neu, dass die Bibel die verlässliche Grundlage für die Kirche und ihre dogmatische Arbeit ist. Gleichzeitig kam Schlatter zu der Überzeugung, dass der Vielstimmigkeit der Bibel eine Ganzheit und Einheit zugrunde liegt, die überzeugend aufgezeigt werden kann.
Insgesamt kann am Ende mit Fug und Recht die These vertreten werden, dass Beck für Schlatter während seines Studiums zu einer prägenden Figur wurde und seine Theologie maßgeblich beeinflusste. Schlatter schrieb später, dass Beck ihn und die anderen Studierenden zur Reinigung und Pflege des ‘religiösen Verhaltens’ angeleitet habe.
Adolf Schlatter als junger Pfarrer (1877–1880)
Schlatter trat nach seinem Studium, dem Vikariat und einem Diakonat im Jahr 1877 eine Pfarrstelle in Kesswil an. Er liebte seine Arbeit als Pfarrer und der Dienst bereitete ihm viel Freude. Sein späterer Wechsel in die akademische Welt war für ihn keineswegs selbstverständlich oder vorgezeichnet.
Während seiner Zeit im Gemeindedienst lernte Schlatter auch seine spätere Frau Susanna (Susette) kennen und lieben. Sie heirateten am 15. Januar 1887. Nach sieben kinderlosen Jahren bekam das Ehepaar noch fünf Kinder.
Im Januar 1880 erreichte Schlatter eine Anfrage von pietistischen Kreisen in Bern. Sie wollten einen „positiven“ Theologen für die dortige Fakultät gewinnen, da diese hauptsächlich von der liberalen Theologie dominiert wurde. Nach innerem Ringen und persönlicher Prüfung entschloss sich Schlatter, den ihm angetragenen Weg zu gehen.
Adolf Schlatter in Bern (1880–1888)
Der Beginn der akademischen Karriere Adolf Schlatters verlief äußerst herausfordernd. Schlatter stieß aufgrund seiner pietistischen Prägung an der Universität in Bern nicht auf Wohlwollen. Der Grund war, dass der Universität der Wunsch der pietistischen Kreisen bekannt war. Trotz einiger Steine, die Schlatter im Zuge seiner Habilitation in den Weg gelegt wurden, schaffte er innerhalb des Jahres 1880 sowohl seine Promotion als auch seine Habilitation. So konnte er bereits im Januar 1881 seine Lehrtätigkeit als Privatdozent beginnen.
Nachdem Schlatter 1885 sein Werk „Der Glaube im Neuen Testament“ veröffentlicht hatte, erhielt er einige Anfragen von verschiedenen Universitäten. Im Jahr 1888 nahm Schlatter einen Ruf nach Greifswald an.
Adolf Schlatter in Greifswald (1888–1893)
Als Professor in Greifswald erlebte Adolf Schlatter eine sehr positive Zeit. Er arbeitete intensiv mit dem lutherischen Dogmatiker Hermann Cremer zusammen. Die beiden Professoren verband eine deutliche Ablehnung der Theologie Albrecht Ritschls. In Greifswald war Schlatter Professor für Neues Testament, hielt aber auch Vorlesungen im Bereich der Dogmatik. Es wurde schnell sichtbar, dass er sowohl ein begnadeter Exeget als auch ein hervorragender Systematiker war.
In seiner Zeit in Greifswald verfasste Schlatter u. a. seine Einleitung zur Bibel, die gerade in frommen und pietistischen Kreisen auch auf Widerstand stieß. Schlatter vertrat für den Pentateuch die Quellenscheidung, schätzte traditionelle Ansätze bei den Propheten nicht als überzeugend ein und schrieb den 2. Petrusbrief einem unbekannten Verfasser zu. Auch setzte sich Schlatter in Greifswald intensiv mit der jüdischen Geschichte auseinander und bereiste das heilige Land.
In seiner Greifswalder Zeit war diese Universität ein Magnet für Studenten aus dem In- und Ausland. Schlatter zog bereits damals Studenten an.
Adolf Schlatter in Berlin (1893–1898)
Eine politische Entscheidung
Adolf Schlatter wurde im Zusammenhang mit dem sogenannten “Apostolikumsstreit” nach Berlin berufen. Aufgrund der als schwierig eingeschätzten Haltung Adolf von Harnacks zum Apostolischen Glaubensbekenntnis wurde ein sogenannter „positiver“ Theologe gefordert. Schlatter schrieb selbst folgendes zu diesem Thema:
“Die Ereignisse, die mich von Greifswald lösten, begannen damit, daß der König von Preußen im Jahr 1892 anordnete, daß an der theologischen Fakultät von Berlin ein neuer Lehrstuhl errichtet werde, der der von der Kirche vertretenen Theologie zu dienen habe. Den Anlaß dazu gab Harnack dadurch, daß er Studierenden den Wunsch aussprach, daß die apostolische Bekenntnisformel aus dem kirchlichen Gebrauch entfernt werde.”
(Schlatter, Rückblick auf meine Lebensarbeit, S. 159–160).
Trotz des geschlossenen Widerstandes der Fakultät sollte dies nun in die Tat umgesetzt werden. Schlatter hatte eine Berufung nach Berlin zunächst strikt abgelehnt. Seine Stellung und Situation in Greifswald war gut und es gab für ihn keinen Grund, diese aufzugeben. Erst nach langem Drängen des preußischen Kultusministers Althoff ließ Schlatter sich schlussendlich überreden. Zuvor hatte Althoff bereits erfolglos versucht, sowohl Martin Kähler als auch Hermann Cramer nach Berlin zu holen. Schlatter schrieb selbst:
“Mein Übertritt nach Berlin war somit nur das Resultat der preußischen Beamtendisziplin, die eine durch einen königlichen Befehl entstandene Staatsnotwendigkeit ehrt und ihr mit den erreichbaren Mitteln gehorcht. Ich sah keine Möglichkeit mehr, eine zweckmäßige Berufung herbeizuführen. Das Motiv, das meinen Entschluß trug, war dünn und schmerzhaft; aber es hatte im Gefüge des preußischen Staates einen unanfechtbaren Grund.”
(Schlatter, Rückblick auf meine Lebensarbeit, S. 163).
Adolf Schlatter und Adolf von Harnack
Adolf Schlatter und Adolf von Harnack waren theologische Gegensätze schlechthin. Harnack war ein führender Vertreter der liberalen Theologie, Schlatter hingegen – aus heutiger Sicht – theologisch konservativ und von einer großen Nähe zum Pietismus geprägt. Dennoch pflegten die beiden einen ausgesprochen freundschaftlichen und guten Umgang miteinander. Sie scheuten sachlich fundierte Diskussionen nicht und hielten einen deutlichen Dissens durchaus aus. So soll Harnack vor Kollegen gesagt haben, dass ihn von Schlatter nur die Wunderfrage trenne, worauf Schlatter temperamentvoll antwortete: „Nein, die Gottesfrage!“
Als Schlatter Berlin verließ, um seinen neuen Lehrstuhl in Tübingen anzunehmen, bedauerte Harnack dies, da er Schlatter und die Gespräche mit ihm als fruchtbar empfand. Dagegen erlebte Schlatter die Zusammenarbeit mit den anderen Kollegen als nicht sonderlich gewinnbringend.
Im Rückblick auf seine Lebensarbeit schrieb er:
“Das Bild, das die Beziehungen zu den Berliner Kollegen darbot, ergab dazu oft einen starken Kontrast. Kaftan erklärte mir gelegentlich: ‘Zwischen uns steht fest, dass alles, was der eine sagt, dem anderen als Unsinn erscheinen muss.’ Diese Absage der Arbeitsgemeinschaft entsprach nicht meinem Standpunkt, wenn ich mir auch leicht verdeutlichen konnte, daß sie sich aus dem Herrschaftsanspruch der Ritschl’schen Theologie folgerichtig ergab.”
(Schlatter, Rückblick auf meine Lebensarbeit, S. 181).
Adolf Schlatter und die theologischen Gräben seiner Zeit
Die Kirche zur Zeit Adolf Schlatters hatte mit grundlegenden theologischen Fragen zu kämpfen. Der Streit an den theologischen Fakultäten im Zusammenhang mit der Ausbildung der Pfarrer entzündete sich vor allem an der Stellung der liberalen Theologie, die oft ein Übergewicht hatte. Im Jahr 1895 verfasste Schlatter eine Erklärung, die sich eine einberufene landeskirchliche Versammlung zu eigen machte. Es wurde eine bessere Vertretung von „positiven“ Theologen gewünscht, was in der Fakultät für große Empörung sorgte. Schlatter distanzierte sich aber trotz des Drucks nicht von der Erklärung.
Am 21. Mai 1895 schrieb er vielmehr an seinen Freund Hermann Cremer:
„Für mich stellt sich die Wahl sehr scharf so: Gottes gläubige Gemeinde oder die Kollegen, und so wie sich die Wahl stellt, ist sie auch entschieden… „Glaube ist mehr als Wissen und Kirche mehr als Fakultät.“
Adolf Schlatter in Tübingen (1898–1938)
Adolf Schlatter zog im Jahr 1898 mit seiner Familie von Berlin nach Tübingen und verbrachte die verbleibenden 40 Jahre seines Lebens als Professor für Neues Testament in der schwäbischen Universitätsstadt. Zusätzlich hielt er Vorlesungen in der Systematischen Theologie. Die Zeit in Tübingen entwickelte sich zu Schlatters intensivster Schaffensphase, in der er sein Lebenswerk abschließen konnte. Gleichzeitig war dieser Lebensabschnitt von tiefen Erschütterungen und großem persönlichen Leid geprägt.
Auftakt in eine prägende Zeit
Der Start von Adolf Schlatter in Tübingen wurde mit Spannung erwartet. Besonders im Vorfeld seiner Antrittsvorlesung im Tübinger Stift wurden Vorbehalte laut, schließlich galt Schlatter einigen als “unwissenschaftlicher Biblizist”.
Einer seiner damaliger Studenten, Fritz von Bodelschwingh der Jüngere, beschreibt seine Erinnerung an die Antrittsvorlesung Schlatters wie folgt:
„Der große Hörsaal ist bis zum letzten Platz gefüllt. Um uns herum sehen wir manche kritischen Gesichter. Die meisten Schwaben hielten Schlatter damals für einen unwissenschaftlichen Mann … So war der Saal mit Spannung gefüllt. Da hörten wir hinter uns einen lauten Knall. Schlatter hatte den Raum betreten und die Tür hinter sich mit aller Macht zugeworfen. Das krachte durch das ganze schon ein wenig altersschwache Haus, als sollte es bis in seine Fundamente erschüttert werden. Als nun der neue Professor mit raschen Schritten auf das Katheder sprang und ohne einleitendes Wort die Vorlesung begann, ahnten manche von uns, daß in diesem Augenblick die Tür einer vergangen Geschichte theologischer Wissenschaft zugeworfen und ein neuer Weg in das heilige Land echter Gottesgelehrsamkeit aufgeschlossen wurde.“
In Tübingen sprachen die Zahlen bald für Adolf Schlatter. Nach seiner Ernennung zum Professor stiegen die Studierendenzahlen merklich an. Schlatter wirkte wie ein Magnet auf die Studenten.
Adolf Schlatter als Seelsorger
Adolf Schlatter war nicht nur ein begnadeter Wissenschaftler, sondern nahm sich auch viel Zeit für seine Studenten und kümmerte sich um sie. Jeden Tag bot er Sprechstunden für sie an, die häufig auch einen seelsorglichen Charakter hatten. Montags lud er sie zu einem “Offenen Abend” zu sich ein, führte mit den Teilnehmenden offene Gespräche, Diskussionen und öffnete ihnen einen Raum für ihre Fragen. Einige seiner Studenten bezeichneten diese Gesprächsabende später als ermutigend und befreiend.
Adolf Schlatter und das dunkle Tal des erfahrenen Leides
Adolf Schlatter blieb in seinem Leben nicht von tiefen menschlichen Leiderfahrungen verschont. Er hatte bereits eine seiner Schwestern verloren, als er selbst noch ein Kind gewesen war. In der Anfangsphase in Tübingen verstarben zudem kurz nacheinander Schlatters älteste Schwester Lydia sowie eine Schwägerin, beide noch in sehr jungen Jahren.
Der schlimmste Verlust ereignete sich jedoch am 9. Juli 1907, als Schlatters geliebte Ehefrau Susanna nach nahezu 30 Jahren Ehe infolge einer Operation zu Tode kam. Adolf Schlatter wurde von diesem Schicksalsschlag völlig unvorbereitet getroffen. Kurz vor seinem 55. Geburtstag wurde er Witwer und zog seine fünf Kinder fortan allein groß.
Der tiefe Schmerz über den Verlust seiner Ehefrau sollte nicht der letzte bleiben. Im Jahr 1914 begann der Erste Weltkrieg. Adolf Schlatters jüngster Sohn Paul wurde noch im selben Jahr als Soldat in die Armee einberufen und kurze Zeit später schwer verwundet in ein Lazarett gebracht. Mitte Oktober 1914 erlag er seinen Verletzungen, die durch einen Granatsplitter hervorgerufen worden waren.
Adolf Schlatter nahm der Tod seines Sohnes stark mit. Das Erlebte verfolgte ihn noch lange Zeit. Er beschrieb später, wie ihn das Grauen des Todes erfasste und quälte, bis ihm das Wort Jesu in den Sinn kam: „Lazarus, unser Freund, schläft.“ Mitten in allem Leid schöpfte Schlatter neue Kraft und Hoffnung bei Jesus.
Adolf Schlatter und der Erste Weltkrieg
Adolf Schlatter verfolgte aufmerksam das politische Zeitgeschehen. Auch für ihn war der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein schockierendes und einschneidendes Erlebnis. Dennoch war er nicht naiv, was den Kriegsausbruch betraf. Er hatte bereits in den Jahren zuvor mit Kampfhandlungen auf europäischem Boden gerechnet.
Schlatter bildete sich selbst eine Meinung zum politischen Zeitgeschehen. Als Zuwanderer aus der Schweiz war er zwar kein eingefleischter Patriot, verteidigte aber gleichwohl einige der Sichtweisen des Deutschen Reiches und stellte sich auf dessen Seite. Schuld und Versagen konnte er auf beiden Seiten erkennen und es auch anprangern, besonders, wenn Unschuldige vom Leid des Krieges betroffen waren.
Schlatters Kritik an den Kriegsparteien
Adolf Schlatters Kritik richtete sich häufig gegen die Entente-Mächte. Die Rolle Frankreichs betrachtete er sehr kritisch und aggressiv. Von den Engländern war er enttäuscht, da er sich erhofft hatte, dass diese sich aus dem Krieg heraushalten würden.
Über England und die Seeblockade gegen das Deutsche Reich schrieb Schlatter:
“Die Engländer machten dagegen unseren Hunger zu ihrer Waffe, griffen also unser aller Leben an, nicht nur das der Kämpfenden, und betrieben die Vernichtung des ganzen Volkes.”
(Schlatter, Rückblick auf meine Lebensarbeit, S. 244)
Aber auch die enge Anbindung von Deutschland an Österreich und das damit einhergehende Hineinschlittern in den Konflikt mit Serbien und auch mit Russland, wertete Schlatter als fatal. Er schrieb dazu:
“Denn ich wünschte nicht, daß Bismarcks Politik, die die Erhaltung Österreichs anstrebt und uns mit ihm zusammenband, endgültig das Geschick unseres Volkes leite. Die Anlehnung Berlins an Wien macht mir für die innere Gesundheit unseres Volkes Sorgen. Und nun wurde der ganze Bestand und alle Kraft unseres Volkes und das Leben der Tausenden, auch das meines Sohnes, für die Herrschaft der Habsburger und den Fortbestand des so tief zerrütteten Österreich eingesetzt.”
(Schlatter, Rückblick auf meine Lebensarbeit, S. 242)
Über den Zerfall des Kaiserreiches Österreich-Ungarn und des russischen Zarenreichs war Schlatter nicht traurig. Er schrieb:
“Vor der Wiener Hofburg, den habsburgischen Traditionen, graute mir. Darin, daß dieses Kaisertum versank, sah ich eine große Wohltat, wie im Sturz des Zaren.”
(Schlatter, Rückblick auf meine Lebensarbeit, S. 250)
Adolf Schlatters Rechtfertigung des Kriegseintritts
Gleichzeitig vertrat Schlatter auch die Meinung, dass der Kampf am Ende unvermeidlich gewesen sei. Er betrachtete den deutschen Kriegseintritt als gerechtfertigt, auch wenn seitens der deutschen Regierung Fehler gemacht worden seien. Schlatter sah das Deutsche Reich in die Defensive gedrängt – eine Meinung, die in seiner Zeit in Deutschland weit verbreitet war (zu den vielschichtigen Ursachen des Krieges siehe Christopher Clark, “Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog”).
Schlatter schrieb:
“Unser Eintritt in den Krieg war eine sittlich richtige Tat gewesen und hatte darum unseren Aufblick zu Gott nicht gehemmt, sondern gestärkt. Der Friede von Versailles war dagegen ein Verbrechen, dessen giftige Wirkungen auch mich berührten.”
(Schlatter, Rückblick auf meine Lebensarbeit, S. 251).
Schlatters Positionierung zum Krieg – eine Einordnung
Aus heutiger Perspektive klingen viele dieser Aussagen düster und sind vielfach kritisch einzuordnen. Auf dem Hintergrund seiner eigenen Zeit betrachtet, lag Schlatter jedoch mit seinen Einschätzungen auf einer Linie mit vielen seiner Zeitgenossen. Er lebte in einer Zeit, die stark vom Nationalismus und Militarismus geprägt war – ein Umstand, der sich in den Folgejahren als fatal erweisen und in Form des von Deutschland verschuldeten Zweiten Weltkrieges in einem noch schlimmeren Höllensturz enden sollte.
Sehr befremdlich wirkt Schlatters Rolle im Zusammenhang mit dem so genannten „Manifest der 93 Intellektuellen”. Dabei handelte es sich um ein von der deutschen kulturellen Élite herausgegebenes Dokument, das die Kriegspolitik des Deutschen Reichs unterstützte und den Angriff auf das neutrale Belgien und damit verbundene Kriegsverbrechen herunterspielte. Schlatter unterzeichnete es im Oktober 1914, also 2 Monate nach Kriegsbeginn.
Auf internationaler Ebene stellte dieses Propaganda-Dokument, zu dessen weiteren Unterzeichnern z.B. auch Adolf von Harnack gehörte, die deutsche kulturelle Élite ins Abseits. Es ist nicht klar, ob und in welchem Ausmaß Adolf Schlatter zum Zeitpunkt seiner Unterschrift Kenntnis von den Geschehnissen in Belgien hatte. Es ist jedoch stark anzunehmen, dass er sich nicht unbedingt einen allumfassenden Sieg, sondern einen gerechten und dauerhaften Frieden wünschte.
Adolf Schlatter: Seine großen Werke
Der Glaube im Neuen Testament
Adolf Schlatter verfasste sein „Erstlingswerk“ „Der Glaube im Neuen Testament” im Rahmen einer Ausschreibung für eine Preisschrift unter immensen Zeitdruck. Es wurde 1885 von der Kommission angenommen und im selben Jahr veröffentlicht. Bis zum Jahr 1982 erschien dieses Werk in insgesamt sechs Auflagen.
Die akademische Welt zollte diesem Werk großen Respekt und Schlatter machte sich dadurch in der Wissenschaft einen Namen. Er schaffte in der Theologie seinen Durchbruch und wurde zu einem ernstzunehmenden Gesprächspartner. “Der Glaube im Neuen Testament” wurde auch zum Vorbild für das Theologische Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWNT), das Adolf Schlatter gewidmet wurde.
Gerhard Kittel schrieb im Vorwort des ThWNT über die Widmung:
„Es spricht zugleich aus, daß ‚Der Glaube im Neuen Testament‘ uns ein Vorbild für die Untersuchung biblisch-theologischer Begriff ist. Es möchte aber darüber hinaus dem Achtzigjährigen etwas von dem Dank sagen, den Kirche und Theologie und insbesondere die neutestamentliche Wissenschaft seiner Lebensarbeit schulden.“
(Kittel, ThWNT I, S. VII).
Die Geschichte des Christus
“Die Geschichte des Christus” ist der Titel des ersten Bandes der zweiten Auflage von Adolf Schlatters Theologie des Neuen Testaments aus dem Jahr 1921. Die erste Auflage erschien in den Jahren 1909 und 1910 unter dem Titel “Das Wort Jesu”. Inhaltlich versuchte Schlatter, die Worte von Jesus auf dem Hintergrund von dessen Leben zu beleuchten.
Leitend für Schlatters Ansatz war dabei, eine Unterscheidung zwischen der Theologie des Neuen Testaments und der Dogmatik zu treffen. Er sah seine Aufgabe darin, in einer historischen Disziplin zu arbeiten und verzichtete daher in seiner Theologie des Neuen Testaments auf eine dogmatische Reflexion und jegliche Sachkritik.
Als Vertreter der empirischen Theologie wollte Schlatter vielmehr wahrnehmen, was zur Zeit der Bibel geschehen war. Zudem verwehrte er sich gegen historische Spekulationen in der Jesus-Forschung. Ausführlichere Informationen zu Adolf Schlatters Denkansatz finden Sie in seinem Aufsatz „Die Theologie des Neuen Testaments und die Dogmatik“.
Über die oft pauschale und ablehnende Kritik an diesem Werk schrieb Werner Neuer:
„Schlatter litt unter der isolierten Stellung, in der er sich mit seiner exegetischen Arbeit – über 20 Jahre nach Erscheinen seines großen neutestamentlichen Erstlingswerkes – noch immer befand: ‘… es kommt mir vor, ich kämpfe ganz allein gegen eine ganze Phalanx, gegen die geschlossene Reihe des ganzen deutschen Intellekts…’ Es war für ihn eine bittere Erfahrung, daß der schon in Bern schmerzlich vermisste Dialog mit der liberalen Theologie noch immer nicht wirklich in Gang gekommen war.“
(Neuer, Adolf Schlatter, S. 475).
Die Lehre der Apostel
Das Werk „Die Lehre der Apostel“ war der zweite und abschließende Band von Schlatters neutestamentlicher Theologie. Er zeigte darin auf, wie die Lehre und das Leben von Jesus mit der Lehre der Apostel übereinstimmen und eine Einheit bilden. Schlatter erkannte einen roten Faden, der sich durch die theologischen Grundpositionen des ganzen Neuen Testaments und zeigte diesen auf.
Das christliche Dogma
Nachdem Schlatter seine neutestamentliche Theologie veröffentlicht hatte, gab er (vermutlich als Fortsetzung und zusammenfassenden Abschluss) seine Dogmatik heraus. Dieses im Jahr 1911 veröffentlichte Werk war durchaus ungewöhnlich. Es bestand aus einer Mischung aus einer Theologie der Tatsachen und einer empirischen Theologie.
Schlatter begründete seine Dogmatik mit erkenntnistheoretischen Gründen, der Wahrnehmung der Wirklichkeit. Gleichzeitig ging er davon aus, dass Gott sich selbst offenbart, sowohl in Jesus als auch in der Lehre der Apostel, aber auch in der Schöpfung. Bei Schlatter hatte die Dogmatik auch eine missionarische Dimension. Neben einer gründlichen Reflexion sollte sie auch zum Glauben verhelfen.
Schlatters Dogmatik wies einen durchaus eigenwilligen Aufbau auf. Er begann mit der Anthropologie. Diese war sehr umfassend. Anschließend beschrieb er die Christologie und die Soteriologie. Die Eschatologie bot den Abschluss des Werkes.
Werner Neuer schreibt über Schlatters Dogmatik:
„Obwohl Schlatters Dogmatik bis heute gewissermaßen ein Fremdkörper in der theologischen Landschaft geblieben ist, der methodisch und inhaltlich nicht schulbildend gewirkt hat, dürfte sie zu denjenigen Werken Schlatters gehören, die direkt oder indirekt den größten Einfluss auf die Theologie- und Kirchengeschichte des deutschsprachigen Raumes ausgeübt haben. Es ist schwerlich denkbar, daß Schlatter ohne ‚Das christliche Dogma‘ die Dogmatiker Paul Althaus (der seine Dogmatik als ‚große Befreiung‘ empfand!) und Wilhelm Lütgert als Schüler gewonnen hätte, die in ihren eigenen Arbeiten wesentliche Impulse von Schlatters dogmatischem Entwurf positiv aufnahmen und eigenständig weiterführten.“
(Neuer, Schlatter, S. 496).
Die christliche Ethik
Nach der Veröffentlichung seiner Dogmatik hatte Schlatter ursprünglich nicht vor, noch eine Ethik zu verfassen. Sein Kollege Karl Holl ermutigte ihn allerdings dazu und Schlatter ließ sich von dieser Idee überzeugen.
Schlatter verfasste daraufhin eine in ihrem Aufbau einzigartige Ethik. Er lehnte sich dabei an die Kardinaltugenden von Platon an: I. Wollen, II. Denken, III. Fühlen und IV. Kraft. Schlatter verfasste seine christliche Ethik allerdings mit dem Anspruch eines allgemeingültigen Charakters und nicht nur als eine Ethik für Wiedergeborene.
Dieses Werk von Schlatter wurde insgesamt sehr wohlwollend und mit positiven Kritiken aufgenommen. Es gilt als ein Werk mit Langzeitwirkung.
Die wissenschaftlichen Kommentare
Adolf Schlatter schrieb zwischen 1929 und 1937 seine neun großen wissenschaftlichen Kommentare zu einzelnen Büchern des Neuen Testaments. Diese können als Zusammenfassung seines exegetischen Lehrwerks betrachtet werden. In seiner Zeit als Leiter des Predigerseminars der Bekennenden Kirche empfahl Dietrich Bonhoeffer seinen Seminaristen die Kommentare von Adolf Schlatter zur Lektüre.
Adolf Schlatters Kommentare zeichneten sich zu seiner Zeit dadurch aus, dass sie stark auf das Judentum zur Zeit des ersten Jahrhunderts eingingen. Schlatter zog die Quellen aus dem pharisäischen und rabbinischen Judentum als Hintergrund für seine Exegese hinzu. Damit unterschied er sich von seinen Zeitgenossen, die die griechische Umwelt des NT stärker in den Blick nahmen.
Erläuterungen zum Neuen Testament
Adolf Schlatter verstand es, komplizierte Sachverhalte herunterzubrechen und in einer verständlichen Sprache zu vermitteln. Dies wurde in seiner allgemein verständlichen Auslegung zum Neuen Testament deutlich. Für den interessierten Christen schrieb er seine „Erläuterungen zum Neuen Testament”, die heute noch ein Standardwerk zum Nachschlagen und besseren Verstehen sind.
Die Theologie Adolf Schlatters – einige Schlaglichter
Da Adolf Schlatter ein äußerst produktiver und vielschichtiger Theologe war, ist es unmöglich, Schlatters Theologie an dieser Stelle umfassend zu beschreiben. Einige exemplarische Schlaglichter seien hier dennoch erwähnt.
Schlatters grundlegende Erkenntnis lautete, dass Offenbarung und Gotteserkenntnis immer Gaben von Gott sind. Gott kann – nach Schlatter – nur soweit erkannt werden, wie er sich dem Menschen zu erkennen gibt.
Die Einheit von Glaube und Wissenschaft bei Adolf Schlatter
Für Schlatter gehören Glauben und Denken, Geschichte und Offenbarung untrennbar zusammen. Theologie als Wissenschaft ist laut Schlatter nicht ohne Gott möglich, wie er es in seinem Aufsatz „Atheistische Methoden in der Theologie“ deutlich machte.
Gleichzeitig forderte Schlatter seine Leser heraus, den Glauben begründet zu durchdenken. Er wehrte sich gegen den Dualismus von Schleiermacher, bei dem der ‚Kopf heidnisch und das Herz fromm‘ ist. Die Wahrheitsfrage und die Gottesfrage gehörten für Schlatter eng zusammen.
Johannes von Lüpke schreibt über Schlatters Ansichten:
„Eine Theologie, die ihren Gegenstand auf das beschränkt, was sich ohne Zuhilfenahme des Gottesgedankens erkennen und somit allein aus der Welt erklären läßt, stürzt sich in einen tiefen Selbstwiderspruch: sie wird zur ‚atheistischen Theologie‘.“
(von Lüpke, Wahrnehmung der Gotteswirklichkeit, S. 55).
Für Schlatter boten Gottes Wort und die Geschichte einen untrennbaren Zusammenhang. Schlatter war es wichtig, die Bibel in ihrer Geschichte und nicht ohne diese auszulegen. Gleichzeitig ereignet sich Gottes Offenbarung in der realen Geschichte. Die Auseinandersetzung mit der Realität braucht der Glaube also nicht zu fürchten.
Exegese und Sehakt: Bibelauslegung bei Adolf Schlatter
Für Schlatter stand im Zentrum der Theologie als Wissenschaft die Wahrnehmung. Wissenschaft ist immer ein Sehen. Es geht darum, das Vorhandene zu beobachten. Wenig übrig hatte Schlatter hingegen für ausführliche Auseinandersetzungen mit literarischen Hypothesen. Er wollte, dass sich der Exeget auf den Text konzentriert und ihn zum Sprechen bringt.
Für Schlatter brachten nur Auslegungen, welche aus dem Text herausgelesen wurden, einen Fortschritt. Spekulationen lehnte er ab. Dies brachte ihm zum Teil die Kritik seiner Kollegen ein, war aber meines Erachtens eine Stärke von Schlatter. Nach der gründlichen Exegese, welche durch genaues Beobachten, also durch den Sehakt erfolgt, kommt bei Schlatter der Denkakt, sprich das dogmatische Urteil.
Adolf Schlatter und die Bibel
Schlatter saß mit seiner theologischen Position in gewissem Sinne zwischen zwei Stühlen. Teilen der pietistischen Kreise galt er als zu kritisch, liberale Theologen hingegen hielten ihn als bibelgläubigen Pietisten in Bezug auf die wissenschaftliche Arbeit für untüchtig.
Aber welches Verhältnis hatte Adolf Schlatter zur Bibel? Die Bibel galt Adolf Schlatter als das von Gottes Geist inspirierte Wort Gottes. Bei der Frage nach der Inspiration der Schrift ging es ihm um mehr als um die intellektuelle Richtigkeit. Für Schlatter bedeutete Inspiration, dass der Mensch so gestaltet wird, dass er es vermag, Gottes Wort zu sagen.
Für Schlatter gab es keinen Widerspruch zwischen einer Inspirationslehre und einem geschichtlichen Verständnis der Bibel. Auch war die Schrift für Schlatter autoritativ und verfügte über eine innere Einheit.
Adolf Schlatters Position zur Irrtumslosigkeit der Schrift
Eine Fehlerlosigkeit der Bibel vertrat Schlatter in dem Sinn, dass sie den Menschen zu Gott führt. In Bezug auf eine völlige Fehlerlosigkeit der Bibel in historischen Fragen und jedem einzelnen Wort schrieb Adolf Schlatter in seinem Aufsatz „Des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit“ (veröffentlicht in „Hülfe in Bibelnot“):
„Man hat zur Glaubwürdigkeit der Schrift oft dies gezählt, daß sie in jedem Wort vollständig richtig sei, daß sich nirgends ein Versehen, nirgends eine Dunkelheit, nirgends eine Verschiedenheit zwischen dem Sachverhalt und Darstellung zeige. Diese Fehlerlosigkeit besitzt die Bibel nicht, weder in ihrer Geschichtsschreibung, noch in ihrer Weissagung. So wie der Erzähler auf die Ereignisse zurückschaut, löst sich das geschichtliche Bild vom wirklichen Hergang ab, und die Weissagung erfährt durch die Erfüllung nicht bloß Bestätigung, sondern auch Berichtigung.“
Schlatter hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu den Unterzeichnern der Chicago-Erklärung gezählt. Unfehlbarkeit war für ihn ein Merkmal Gottes, das sich nicht auf Menschen oder Dinge überträgt, auch wenn diese im Dienst Gottes stehen. Nicht einmal die Bibel ist unfehlbar, sondern allein Gott, der die Schrift gibt.
Der Apostel ist nur dahingehend unfehlbar, dass er von Gott gebraucht wird. Gott gebraucht ihn in seiner Schwachheit und durch diese. Die Unfehlbarkeit der Bibel bedeutete für Schlatter, dass sie den Menschen mit Gott in Verbindung setzt und ihn auf gerader Straße sicher zu Gottes Ziel führt.
Adolf Schlatters Position zu den Einleitungsfragen
In Bezug auf die Einleitungsfragen der Bibel zeigte sich Adolf Schlatter offen für Positionen, die der traditionellen und pietistischen Sicht widersprachen. Dadurch zog er sich Kritik aus mehreren theologischen Lagern zu. Manchen Vertretern der liberalen Theologie galt er als zu „biblizistisch“, manchen Frommen hingegen als zu „bibelkritisch“.
Anlass für die Kritik aus den Reihen der Pietisten gab zum Beispiel die Tatsache, dass Adolf Schlatter historische Irrtümer in der Bibel nicht ausschloss. Auch der Frage der Pseudepigraphie stand er nicht völlig ablehnend gegenüber. So schrieb er den 2. Petrusbrief einem unbekannten Verfasser, einem „im Namen des Petrus Schreibenden“ zu.
In seinem Werk „Die Theologie der Apostel“ äußerte er sich folgendermaßen:
„Indem hier ein Christ nicht in seinem eigenen, sondern im Namen des Petrus schreibt, bringt er zum Ausdruck, daß das Gewicht des apostolischen Worts alles überrage, was die gegenwärtige Gemeinde besitzt. Kein Wort eines der jetzt Lebenden hat dieselbe Autorität. Ein gewisses Verzagen der Gemeinde an der Kraft, die ihr nach dem Tod der Apostel blieb, wird darin sichtbar, aber auch die Einsicht, daß nichts von dem, was die Gemeinde hervorbringe, mit dem apostolischen Wort vergleichbar sei. Indem der Schreiber die Gemeinde im Namen des Petrus an das erinnern will, was sie erhalten hat, bezeichnet er die Erinnerung, die immer wieder auf das apostolische Wort zurückgreift, als die Bedingung für den Bestand der Kirche.“
(Schlatter, Die Theologie der Apostel, S. 480).
Der Tübinger Theologe und Altbischof Dr. Gerhard Maier schreibt zu Schlatters Schriftlehre:
„Seine Bejahung der Inspiration der ganzen Schrift, ihrer Einheit, ihrer exklusiven Autorität, ihrer vom göttlichen Zweck her bestimmten Unfehlbarkeit, ihrer Verständlichkeit und die Ablehnung eines Kanons im Kanon bewahren wesentliche hermeneutische Grundsätze der reformatorisch-vorkritischen Schriftauslegung. In seiner Position ist Schlatter meilenweit auch vom gemäßigten Kritizismus entfernt, der ihn heute so gerne für sich beansprucht. Darüber hinaus hat Schlatter durch seinen positiven Bezug zur Geschichte einen entscheidenden Mangel der Beck’schen Hermeneutik überwunden.“
(Maier, Biblische Hermeneutik, S. 314).
Bekehrung bei Schlatter
Für Adolf Schlatter ist die Bekehrung eng mit der Wiedergeburt und der Rechtfertigung des Sünders verbunden. Hier wird auf die eigene Gerechtigkeit verzichtet und nach Gottes Gerechtigkeit in Reue gegriffen. Er schreibt:
„Wir trennen uns durch die Bekehrung von demjenigen bösen Willen, den wir in uns als den unserigen finden; wir können ihn aber nicht wirklich verneinen und richten, ohne daß damit zugleich auf alles Böse verzichtet ist. An die Stelle der konkreten Sünde tritt der konkrete Akt des Gehorsams, der Gottes Willen so erkennt und tut, wie er sich uns in diesem Moment bezeugt. … Die Aufnahme des göttlichen Willens in unseren Willen macht den Menschen für immer und in allen Beziehungen Gott untertan und zu seinem Dienst bereit.“
(Schlatter, Das christliche Dogma, S. 502).
Eine teilweise Umkehr ist für Schlatter keine richtige Umkehr. Sie muss vollständig sein. Neben der erstmaligen Bekehrung gilt es, nach Schlatter, aber auch regelmäßig Buße zu tun. Als Gerechtfertigter hat der Mensch die Aufgabe, eine bleibende Buße zu leben, was eine Absage an die Sünde zur Folge hat. So ist die Bekehrung die Abstoßung vom Bösen und der Griff nach dem Guten.
Adolf Schlatter und das Gericht Gottes über den Sünder
Welche Sicht vertrat Schlatter im Bezug auf einen doppelten Ausgang im jüngsten Gericht?
In seiner „Auslegung zum Neuen Testament“ schreibt Schlatter zu Markus 9,47–47:
„Wenn der Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht verlöscht, so heißt uns das an einen Tod denken, auf den kein Leben folgt, an einen endgültigen und bleibenden Tod, durch den uns Gott und sein Reich voll Licht und Leben für immer verloren ging.“
(Schlatter, Die Evangelien nach Markus und Lukas, S. 84).
An anderer Stelle schreibt er in seinem wissenschaftlichen Kommentar:
„Der Wurm und das Feuer sind zusammengestellt, weil beide die Leichen zerstören. Ihr zerstörendes Wirken, das sie an den Toten üben, hat kein Ende; das heißt: die Gerichteten haben das Leben endgültig verloren und bleiben im Tod“
(Schlatter, Markus: Der Evangelist für die Griechen, S. 182).
Die Sichtweise, dass Schlatter ein Vertreter der Lehre der Auslöschung des Menschen in der Hölle war, darf allerdings bezweifelt werden, da er in seinem Werk „Die Geschichte des Christus“ schreibt:
„Dagegen läßt das Schlußwort bei Matthäus an eine andauernde Bestrafung denken, da dort das Feuer nicht nur den Menschen, sondern auch dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist und die Strafe immerwährend heißt im vollen Gegensatz zum ewigen Leben.“
(Schlatter, Die Geschichte des Christus, S. 356)
Aus seinem Werk „Die christliche Dogmatik“ lässt sich schließen, dass Schlatter von einem dauerhaften Existieren in der Trennung von Gott ausgeht. So schreibt Schlatter:
„Der Vorschlag, den Bilderkreis zu mildern, durch den die neutestamentlichen Worte die Schwere der endgültigen Trennung von Gott darstellen, hat geringen Wert. Da die Verurteilung uns von Gott trennt, nimmt sie uns das Leben; sie überweist uns dem Tod. Mit diesem Satz verbindet sich aber der andere Gedanke, daß uns das Sterben nicht die Vernichtung des Daseins bringe. So entsteht der Gedanke an ein Gefängnis, das die Verurteilten einschließe, nicht an ein zerstörendes Feuer, das ihre Existenz aufhöbe, sondern an einem Feuersee, in dem sie begraben seien. Genauen, lehrhaften Wert kann keines unserer Bilder haben, mit denen wir uns das Ewige vorstellen, nicht nur deshalb, weil wir sie aus der jetzt uns sichtbaren Natur schöpfen, sondern auch deshalb, weil unsere inwendige Vollendung das uns jetzt erreichbare Denken gänzlich überragt, jene Vollendung, bei der kein Zwist mit Gottes Willen mehr in uns ist, weil wir ganz mit ihm geeinigt sind, ganz eins mit seinem Richten, ganz ein mit seiner Liebe.“
(Schlatter, Das christliche Dogma, S. 552–553).
Von Schlatter lernen – Reflexionen heutiger Theologen
Auf alle Theologen, die Schlatter reflektieren, kann hier selbstverständlich nicht eingegangen werden. Die getroffene Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Beispielhaft kommen an dieser Stelle Ulrich Wilckens, Gerhard Maier und Heinzpeter Hempelmann zur Sprache.
Ulrich Wilckens über Adolf Schlatter
Ulrich Wilckens würdigt Schlatter kritisch in seinem dritten Band der Theologie des Neuen Testaments, in dem sich Wilckens mit der Geschichte der historisch-kritischen Bibelforschung auseinandersetzt.
Wilckens schreibt über Schlatters Gesamtwerk:
„Man kann an Schlatters Gesamtwerk so deutlich wie bei keinem der anderen Pietisten des 19. Jahrhunderts erkennen, dass die Gottesfrage das zentrale Problem des Christentums und der Theologie der Neuzeit gewesen ist.”
(Wilckens, Theologie NT III, S. 239).
Gleichzeitig weiß Wilckens Schlatter an einigen Stellen zu kritisieren. So moniert er an Schlatters Inspirationslehre, dass diese einer Literarkritik entgegenstehe. Auch kritisiert Wilckens Schlatters Sicht, dass alle in den Evangelien verfassten Berichte bei ihm als geschichtlich-wirklich gelten und nichts Ungeschichtliches zu finden sei.
Wilckens sieht des Weiteren bei Schlatter eine Ausklammerung des Alten Testaments bei der Darlegung der neutestamentlichen Theologie.
Gerhard Maier über Adolf Schlatter
Auch der frühere Landesbischof von Württemberg, Dr. Gerhard Maier, würdigt Schlatters Werke in seinem Werk „Biblische Hermeneutik“.
Maier würdigt, dass Schlatter die Inspiration der Schrift, ihre Einheit und ihre exklusive Autorität bejaht, sowie ihre vom göttlichen Zweck her bestimmt Unfehlbarkeit. Er bemängelt allerdings, dass Schlatter gelegentlich auch Schriftkritik betreibe, wie in seiner Ablehnung der Verfasserschaft von Petrus beim 2. Petrusbrief klar wird.
Maiers Fazit zu Schlatter lautet:
„Die erwähnten Bedenken bezüglich der Schlatter’schen Erkenntnislehre, Kritik und Anthropozentrik bewegen uns dazu, zwar die Gemeinschaft mit Schlatter zu suchen, aber unsere eigene hermeneutische Position nicht einfach mit der seinen zu identifizieren.“
(Maier, Biblische Hermeneutik, S. 316).
Heinzpeter Hempelmann über Adolf Schlatter
Für Heinzpeter Hempelmann war Adolf Schlatter ein theologischer Universalgelehrter. Der pietistisch geprägte Theologe bezeichnet Schlatter als den Theologen, auf den er seit seinem Studium und bis heute immer wieder zurückgegriffen habe. Hempelmann tut dies auch in seiner „Hermeneutik der Demut“. Er schreibt über Schlatter:
„Es gibt kaum einen anderen Theologen, der für meinen persönlichen Weg ähnlich prägend gewesen ist wie Adolf Schlatter; es gibt kaum einen Theologen, auf den ich immer wieder zurückgegriffen habe und den ich auch bis zur Stunde immer wieder neu lese; bei dem ich immer wieder neu entdecke, wenn ich selbst vor Herausforderungen stehe und dann sehen muß: Schlatter ist schon da, wo ich jetzt erst ankomme. … Adolf Schlatter ist ein Gigant. Er ist nicht nur Exeget gewesen, und das schließt bei ihm ja schon die Judaistik mit ein, – sondern auch Dogmatiker und Ethiker, ja selbst Philosoph von Rang.“
(Hempelmann, Schlatter als Ausleger der Heiligen Schrift, S. 67–68).
Adolf Schlatter: Oft ignoriert, aber von bleibender Bedeutung
Schlatter gehört zu den Theologen, die nicht vergessen werden dürfen. Aufgrund seiner Profilierung eckte er aber an. Während sein exegetisches Werk immer wieder gewürdigt wurde, wurde seine Arbeit im Bereich der Systematischen Theologie oft ignoriert und das, obwohl sie prägend und wertvoll ist.
Ulrich Wilckens schreibt über dieses Missverhältnis und seine Wahrnehmung, dass Schlatters Werke übergangen werden:
„Dass er jedoch in den theologiegeschichtlichen Werken bis in die Gegenwart zumeist übergangen, ja oft sogar nicht einmal namentlich erwähnt wird, ist allerdings ganz ungerecht und zeugt von einer Unwilligkeit, sich auf kritische Fragen vonseiten ‚evangelikaler‘ Theologie überhaupt ernsthaft einzulassen.“
Und in der Fußnote ergänzt Wilckens:
„Das gilt für Emanuel Hirsch genauso wie sogar für Karl Barth. Auch W. Pannenberg erwähnt in seiner Problemgeschichte der neueren Theologiegeschichte, in der Schlatter doch jedenfalls einen gewichtigen Platz gehabt hat, ihn nicht ein einziges Mal.“
(Wilckens, Theologie NT III, S. 240).
Für den Pietismus und für Theologen mit evangelikaler Frömmigkeit dürften die Werke von Schlatter eine überragende Bedeutung haben und behalten, auch wenn Schlatter meines Erachtens nach nicht als ein klassischer Evangelikaler zu sehen ist. Diesen theologischen Strömungen dürfte Schlatter ein Vorbild für eine fromme und zutiefst wissenschaftliche Theologie sein, die in die Glaubenspraxis führt.
Adolf Schlatter und das Dritte Reich
Adolf Schlatter erlebte in seinen letzten Lebensjahren, wie sich der dunkle Schatten der Nazi-Diktatur über Deutschland legte. Keiner konnte sich diesem völlig entziehen. Schlatter erlebte die Machtergreifung von Hitlers Nationalsozialisten und den sich ausbreitenden Antisemitismus noch mit. Doch welche Position nahm der Theologe ein, als er mit der Ideologie der Nazis konfrontiert wurde?
Das Dritte Reich, dessen Anfänge Adolf Schlatter im Alter von über 80 Jahren noch miterlebte, stellt das mit Abstand dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte dar. Dieses wurde oft und ausführlich dargelegt (siehe z. B. Ian Kershaws Werk „Höllensturz”). Eine sehr unrühmliche Rolle spielten in dieser Zeit auch die Kirchen. Viele begabte Theologen, leidenschaftliche Prediger und Kirchen ließen sich von der Ideologie der Nazis verführen. Gestandene Theologen traten aus Überzeugung in die NSDAP ein, huldigten ihrer antichristlichen Ideologie und machten sich als Täter aktiv mitschuldig.
Einige Beispiele:
Theologen im Nationalsozialismus – Emanuel Hirsch
Emanuel Hirsch war Kirchenhistoriker in Bonn, wurde zu einem Wortführer der Deutschen Christen und später theologischer Berater des Reichsbischofs Ludwig Müller. Zudem denunzierte Hirsch Kollegen und Studenten und hatte beträchtlichen Anteil daran, dass Karl Barth seine Lehrerlaubnis in Bonn verlor.
Theologen im Nationalsozialismus – Walter Grundmann
Walter Grundmann war ein ehemaliger Student Adolf Schlatters und verfasste später mehrere Artikel für das „Theologische Wörterbuch für das Neue Testament” (ThWNT). Auch er war ein überzeugter Nationalsozialist und Antisemit. In einem seiner Bücher vereinnahmte er Jesus für die NS-Rassenlehre und sprach ihm seine jüdische Herkunft ab. Zudem leitete Walter Grundmann das in Eisenach ansässige „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“.
Theologen im Nationalsozialismus – Gerhard Kittel
Gerhard Kittel übernahm 1926 den Lehrstuhl Adolf Schlatters an der Universität Tübingen und war ab 1933 Herausgeber des ThWNT. Letzteres widmete er seinem Vorgänger. Wie sein Assistent Walter Grundmann war auch Gerhard Kittel Mitglied der NSDAP.
Kittel unterstützte die Ideologie der Nazis vor allem durch seine publizistische Tätigkeit. Beispielsweise forderte er in seiner Schrift „Die Judenfrage” aus dem Jahr 1933 die Vernichtung der Juden bzw. deren vollständige Vertreibung aus Europa und eine anschließende Isolierung. Zudem wirkte Kittel in verschiedenen Institutionen der Nationalsozialisten mit und vertrat auf „wissenschaftlicher Ebene” deren Ideologie.
Weitere den Nationalsozialisten nahestehenden Theologen
An der Tübinger Universität war Gerhard Kittel dabei nicht allein. Zu nennen wären ebenso der katholische Theologe Karl Adam und der Neutestamentler Karl Georg Kuhn. Auch namhafte Theologen an anderen Universitäten verfielen dem Nationalsozialismus. So musste Johannes Behm, der mehrere Artikel für das ThWNT verfasste, im Rahmen der Entnazifizierung seine akademische Karriere in Berlin beenden. Auch der Alttestamentler Artur Weiser sowie der Tübinger Theologe Hans Rückert waren seit 1933 NSDAP-Mitglieder.
Adolf Schlatter und seine Position zum Nationalsozialismus
Wie sah es mit Adolf Schlatter aus? Schlatter kannte sämtliche der Theologen, die Teil der nationalsozialistischen Bewegung waren, und war mit einigen von ihnen in intensiven Gesprächen. Mit seinem Tübinger Nachfolger Gerhard Kittel, dem überzeugten Nationalsozialisten und Mitglied in der NSDAP, verband Schlatter dazu noch eine herzliche Freundschaft.
Dennoch kann es als gesichert gelten, dass Adolf Schlatter Hitler und den Nationalsozialismus ablehnte. Er beklagte auch eine deutsche Neigung, fanatischen politischen Führungspersönlichkeiten nachzulaufen.
Werner Neuer schreibt über Schlatters Vortrag vor der DCSV (Deutsche Christliche Studentenvereinigung) 1933 in Tübingen, in dem er die NS-Ideologie angriff:
„Angesichts der Tatsache, daß sich in der Tübinger Gruppe zu jenem Zeitpunkt viele Anhänger und Sympathisanten des Nationalsozialismus befanden, kann man Schlatters unverblümte und von taktischen Gesichtspunkten auffallend freie Absage an die NS-Ideologie ein beträchtliches Maß an Unerschrockenheit nicht absprechen. Dies gilt um so mehr, als die nationalsozialistische Diktatur im Juli 1933 schon fest etabliert war und die Verfolgung politischer Gegner bereits im März mit der ersten Verhaftungswelle von Regimegegnern und der Einrichtung der ersten Konzentrationslager begonnen hatte.“
(Neuer, Schlatter, S. 733).
Die Vertreter der sogenannten „Deutschen Christen“ bezeichnete Adolf Schlatter abschätzig als „Braunhemden“ und als Nazis. Er sah ein von der NSDAP gefördertes Neuheidentum am Werk.
An seinen Sohn Theodor schrieb Schlatter im März 1934:
„Gestört wird der Nazismus von uns deshalb, weil er von einem Ruf Gottes nichts weiß. Er ruft zum Volk, wir rufen zu Gott. Das ist von uns aus nicht Streit; vom Nazismus aus ist es Streit.“
(zitiert in Neuer, Schlatter, S. 755).
Adolf Schlatter und sein Verhältnis zu den Juden
Für Adolf Schlatter war der Fakt, dass Jesus ein Jude war, klar (Schlatter, “Das christliche Dogma„, S. 283). Er schrieb im Rückblick auf seine Lebensarbeit:
“Darum sah ich in Jesus den Juden, nicht, obwohl ich den Sohn Gottes in ihm sah, und den Sohn Gottes, nicht, obwohl er Jude war, sondern er stand deshalb, weil er mit jeder Bewegung seiner Seele jüdisch empfand, jüdisch dachte und jüdisch wollte, als das Werk Gottes vor mir.„
(Schlatter, Rückblick auf meine Lebensarbeit, S. 52).
Auch war Schlatter der Exeget seiner Zeit schlechthin, der den jüdischen Charakter und Hintergrund des Neuen Testaments betonte und für seine Exegese herausarbeitete.
Adolf Schlatter und seine Position zur nationalsozialistischen Rassenideologie
Trotz seiner grundsätzlich positiven Haltung gegenüber Juden muss Adolf Schlatters Position gegenüber der nationalsozialistischen Rassenideologie differenziert und durchaus kritisch bewertet werden. Insgesamt lässt sich sagen, dass Schlatter die Rassengesetze der Nationalsozialisten ablehnte. Damit unterschied er sich deutlich von seinem Kollegen Gerhard Kittel, der einer ihrer schärfsten Verfechter in kirchlichen Reihen war.
Dennoch muss man bei Schlatter von einer fehlenden Vehemenz in seiner Ablehnung sprechen, besonders in Bezug auf das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” und des darin enthaltenen sogenannten „Arierparagraphen”. Dieses Gesetz untersagte Menschen jüdischen Glaubens die Ausübung des Staatsdienstes und diente später dazu, diese Menschen vollständig aus dem beruflichen und gesellschaftlichen Leben zu verdrängen.
Aus heutiger Sicht ist es zutiefst bedauerlich, dass Schlatter trotz seiner fundierten Kritik an den Nationalsozialisten keine Notwendigkeit zum unbedingten Widerstand der Kirche gegen dieses Gesetz sah. An diesem Punkt erscheint er leider zu inkonsequent und gegenüber dem nationalsozialistischen Staat zu vorsichtig – anders als es z. B. in der Bekennenden Kirche der Fall war.
Werner Neuer schreibt zu diesem Thema:
„Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, daß Schlatter trotz seiner in vielerlei Hinsicht so klaren Sicht des Nationalsozialismus und der Deutschen Christen und seiner persönlichen Ablehnung des Arierparagraphen bei seiner theologischen und kirchlichen Bewertung des Arierparagraphen im Jahr 1933 noch nicht zu jener kompromisslosen Klarheit durchdrang, wie sie die bekennenden Gruppen um Bonhoeffer, Künneth und Niemöller gekennzeichnet hat.“
(Neuer, Schlatter, S. 753).
Adolf Schlatter und der späte Widerspruch gegen den Rassismus
Adolf Schlatter sah sich erst zu starkem Widerspruch gegen die Nazis genötigt, nachdem sich die Geschichte 1935 mit den Nürnberger Rassegesetzen weiter in den Abgrund des nationalsozialistischen Sumpfes bewegt hatte. Schlatter veröffentlichte als Reaktion eine Schrift mit dem missverständlichen Titel „Wird der Jude über uns siegen? Ein Wort für die Weihnachtszeit.“ In dieser Schrift rechnete Schlatter mit den Versuchen ab, Jesus für die nationalsozialistische Ideologie zu vereinnahmen. Er warf dem Rassendenken der Nationalsozialisten vor, Jesus abzulehnen.
Warnend schrieb Schlatter über die Träume der Nazis, über andere Völker zu herrschen:
„Würde, wenn dieser neue Tag wirklich käme, die Sonne nicht über einem Schlachtfeld aufgehen, das voll von Leichen und Ruinen wäre?“
(Schlatter, “Wird der Jude über uns siegen?„, S. 8; zitiert in Neuer, Schlatter, S. 759).
Schlatters nahezu prophetische Warnung sollte durch den Zweiten Weltkrieg auf furchtbare Art und Weise wahr werden. Glücklicherweise endete sie jedoch nicht mit einem Triumph der Nationalsozialisten, sondern letztendlich mit deren Untergang. Zu seinen Lebzeiten musste sich der mittlerweile 83-jährige Adolf Schlatter jedoch mit der Wut und dem Hass der Nazis auseinandersetzen, die ihm infolge der Veröffentlichung seiner Schrift entgegenschlug. Die Gestapo beschlagnahmte sein Werk, nachdem bereits 40.000 Exemplare davon verkauft worden waren.
Aufgrund des widersprüchlichen Titels dürfte Schlatters Schrift auch größere Kreise in den Reihen der NSDAP angezogen haben, was dort deutlichen Widerspruch und Ärger auslöste. So wurde Schlatter als „Tattergreis“ beschimpft, welcher vom neuen Staat nichts verstehe und ein „Karnevalsprinz“ sei. Adolf Schlatter dürfte diese Reaktionen als Ehrung aufgefasst haben. Es zeigte einerseits, dass ihm die Nationalsozialisten ein Gräuel waren, er andererseits aber auch bei ihnen verhasst war.
Adolf Schlatters Unterschätzung der Nationalsozialisten
Adolf Schlatter unterschätzte in seiner Schrift jedoch auf tragische Weise den Vernichtungswillen der Nazis gegenüber den Juden. Hier war seine Sicht nicht so klar wie die anderer Theologen der Bekennenden Kirche. Schlatters Wahrnehmung vom Jahr 1935 schien gewesen zu sein, dass weitere Diskriminierung und Entrechtung über das bisherige Maß hinaus nicht zu erwarten seien.
Werner Neuer schreibt hierzu:
„Und doch zeigte die 1942 beginnende organisierte Judenvernichtung auf bittere Weise, daß Schlatter die Vernichtungsbereitschaft des nationalsozialistischen Antisemitismus nicht wahrnahm oder unterschätzte. Auch wenn der spätere Holocaust zum damaligen Zeitpunkt nicht vorhersehbar war, so bestand doch schon 1935 Anlaß genug, um nicht nur für die angegriffene Christenheit, sondern auch für das diskriminierte deutsche Judentum öffentlich die Stimme zu erheben, zumal die christlichen Kirchen insofern mit den Juden in einem Boot saßen, als auch sie – wenn auch in anderer Weise und in geringeren Umfang – Opfer der NS-Gewaltherrschaft waren.
Daß sich Schlatter – ähnlich wie die Bekennende Kirche! – 1935 nicht zu einem öffentlichen Protest gegen die Diskriminierung der Juden durchringen konnte, obwohl sein öffentlicher Einspruch gegen die neuheidnische Propaganda dazu Gelegenheit gegeben hätte, kann im historischen Rückblick nur bedauert werden. So bleibt ein Schatten auf seiner sonst so hellsichtigen Verurteilung des NS-Rassendenkens und des totalitären Charakters des NS-Staates am Ende des Jahres 1935.“
(Neuer, Schlatter, S. 760–761).
Adolf Schlatter – Das Ende eines segensreichen Lebens
Adolf Schlatter hielt seine letzte Vorlesung im Studienjahr 1929/30. Als Abschluss seiner Lebensleistung verfasste er anschließend noch seine großen wissenschaftlichen Kommentare. Sein letztes Werk trug den Titel „Kennen wir Jesus?“.
In seinem letzten Lebensjahr erlebte Schlatter noch den für ihn schmerzhaften Tod seines ehemaligen Schülers Wilhelm Lütgert. Dieser war nicht nur einer seiner Schüler, sondern auch ein Freund aus seiner Greifswalder Zeit gewesen, mit dem er 45 Jahre lang in einem Briefwechsel gestanden hatte.
In den letzten Monaten seines Lebens litt Schlatter immer wieder unter Herzproblemen und Atemnot. Es war wohl das erste Mal in seinem Leben, dass er bereit war, selbst die Hilfe eines Arztes in Anspruch zu nehmen.
Adolf Schlatter schloss am 19. Mai 1938 für immer friedlich die Augen. Er wurde am 23. Mai 1938 auf dem Stadtfriedhof in Tübingen beerdigt. Sein Sohn Theodor Schlatter hielt die Beerdigungspredigt.
Adolf Schlatter – Weitere Lesetipps
Wer sich mit dem Leben von Adolf Schlatter auseinandersetzen möchte, dem seien an dieser Stelle einige Werke von Werner Neuer, dem führenden Experten zum Leben und zur Theologie Adolf Schlatters, empfohlen:
- eine ausführliche Biografie mit dem Titel: „Adolf Schlatter. Ein Leben für Theologie und Kirche“. Stuttgart: Calwer Verlag, 1996.
- eine Kurzbiografie: „Adolf Schlatter“. Wuppertal, R.Brockhaus, 1988.
Eine kurze Einführung bieten auch die Artikel von Werner Neuer in der RGG4 und in der TRE. Zudem haben Heinzpeter Hempelmann, Johannes von Lüpke und Werner Neuer eine Hinführung zum Leben und zur Theologie Adolf Schlatters verfasst. Diese ist unter dem Titel „Realistische Theologie. Eine Hinführung zu Adolf Schlatter“ erschienen.
Zuerst veröffentlicht auf dem Logos-Blog: